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Das Elektronikgeschäft boomt. Die Konsumenten wechseln im Schnitt alle acht Jahre ihren Fernseher. Letztes Jahr kauften die Schweizer weit über fünf Millionen elektronische Geräte.

Einwandfrei funktionstüchtig

Beim Kauf bezahlen die Kunden mit der sogenannten vorgezogenen Recycling-Gebühr auch gleich die Entsorgung im Voraus. Kosten für grosse Fernseher 14 Franken, für Computer 7. Dafür können Kunden ihre ausgemusterten Geräte kostenlos zurückbringen. Im Lager von Media Markt stapeln sich täglich abgegebene Fernseher, Computer und Stereoanlagen. Media-Markt-Geschäftsführer Mike Guler weiss, die meisten Geräte funktionieren noch einwandfrei: «Wir stellen fest, dass unsere Kunden aufgrund neuer Technologien und Designs ihre Geräte immer schneller ersetzen», sagt Guler.

40 Millionen Franken Gebühren

Beim Verband des Elektronikherstellers Swico fliessen die Recycling-Gebühren zusammen – jährlich rund 40 Millionen Franken. Paul Brändli, verantwortlich für die Recycling-Garantie der Swico: «Vor der Einführung der Gebühr haben viele Konsumenten ihre alten Geräte auf der grünen Wiese entsorgt. Das kommt praktisch nicht mehr vor.»

Der Elektroschrottmüllberg wächst drei Mal schneller als jede andere Art von Hausmüll. Im Jahr 2002 wurden in der Schweiz 35 000 Tonnen Elektroschrott entsorgt. Diese Menge hat sich verdreifacht auf heute 105 000 Tonnen.

Material fein säuberlich getrennt

Eine der grossen Recyclingfirmen ist die Immark AG in Regensdorf (ZH): Bei der Demontage eines Fernsehers trennt ein Arbeiter die Kunststoff- und Elektronikteile von der Bildröhre aus Bleiglas. Das Glas wird separat recykliert. Der Rest wird maschinell zerkleinert. Das Material wird zerschlagen. Dabei werden schadstoffhaltige Teile wie Batterien und Kondensatoren abgetrennt und manuell aussortiert. Danach läuft der Schrott durch diverse Schredder und Sortieranlagen, bis er am Ende fein säuberlich nach Materialien getrennt ist.

«So erreichen wir eine Wiederverwertungsquote von 95 Prozent», sagt Rudolf Hafner, Technischer Direktor der Immark AG. Tönt gut, doch Fakt ist: Über 30 Prozent vom Elektroschrott besteht aus Kunststoff. Und der wird grösstenteils verbrannt. Die Immark betont, dabei werde die Energie genutzt. So komme man auf eine Rückgewinnungsquote von 95 Prozent.

Gifte verunmöglichen Recycling

Doch Verbrennen ist kein Recycling, das wissen Mitarbeiter der EMPA. Sie forschen, damit wertvolle Rohstoffe wiederverwendet werden können und nicht verloren gehen – der Sinn von Recycling. Mathias Schluep, E-Waste-Projektleiter der EMPA, kritisiert, dass Hersteller in ihren Geräten Umweltgifte verwenden, die ein Recycling verunmöglichen.

Greenpeace hält deshalb das heutige Recycling-System für falsch. Matthias Wüthrich sagt, es belohne diejenigen Produzenten, die keine umweltfreundlichen Produkte herstellen. Das Grundproblem sei, dass die Hersteller mit der Entsorgung nichts zu tun hätten. «Sie produzieren einfach möglichst billig, egal mit was für Stoffen», sagt Matthias Wüthrich von der Greenpeace.

Jeder vierte Computer exportiert

Ein weiteres Problem: Viele Geräte werden zwar in der Schweiz verkauft, aber nicht hier entsorgt. Ein Teil davon wird exportiert. Robert Staible von der Computer Broker AG (CBA) hat sich auf den Handel mit Occasions-Computern spezialisiert. Die Geräte kauft er von Grossfirmen, Banken und Versicherungen, die ihre Geräte auswechseln. «Es wäre der helle Wahnsinn, diese Geräte dem Recycling zuzuführen», sagt Jürg Staible. Pro Jahr exportiert allein CBA 100 000 Geräte nach Osteuropa und Afrika. Insgesamt werden schätzungsweise 300 000 bis 400 000 Computer aus der Schweiz ausgeführt – das ist jeder vierte Computer.

... Rest landet im Strassengraben

Die Kehrseite: Viele Geräte landen am Ende der Kette oft in Hinterhofwerkstätten armer Länder. Menschen in China und Afrika versuchen ohne Schutz, mit Säure wertvolle Stoffe wie Gold, Silber und andere Edelmetalle aus oft giftigen Verbundstoffen herauszulösen – und gefährden dabei ihre Gesundheit. Der Rest der Geräte landet im Strassengraben, wird verscharrt oder verbrannt.

Doch der Export in diese Länder helfe den Menschen dort, dass sie den technologischen Anschluss nicht verlieren würden. «Ausserdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in diesen armen Ländern ein fachgerechtes Recycling entsteht», sagt Computerhändler Staible.

Fachleute wie EMPA-Projektleiter Schluep schlagen vor, dass die Recycling-Gebühr auch für den Aufbau einer Recycling-Infrastruktur im Ausland verwendet wird.

Die Swico betont: Die Recycling-Gebühr sei ausschliesslich für die Entsorgung in der Schweiz bestimmt. Fachlich unterstütze der Verband aber schon heute Entwicklungsprojekte.

Kassensturz, 12.02.2008

 

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